Erfahrungsbericht: Magen- und Milzresektion vor zwölf Jahren

Geboren: 1957
Größe: 191 cm
OP:  1995 (38 Jahre, Frühkarzinom)

Entfernt wurde der komplette Magen bei Frühkarzinom (T1).
Alle untersuchten Lymphknoten waren frei von Tumorzellen.

Im Krankenhaus:
Während der 11 Tage Krankenhausaufenthalt habe ich mich relativ gut gefühlt, da die Versorgung mit Schmerzmitteln und Infusionen ausreichend war. Lediglich der Oberkörper war aufgebläht und ich konnte nicht lachen, wenn ich aufgeheitert wurde (Schmerzen). Am zweiten postoperativen Tag hatte ich das Gefühl von Atemnot, was mir Panik verursachte.

 Der Empfehlung einer Anschlussheilbehandlung bin ich nicht nachgekommen, da ich mich wohl fühlte und davon ausging, so wird es auch sein, wenn ich zu Hause bin (ein großer Fehler!). Im Nachhinein würde ich raten, dass eine Anschlussheilbehandlung zur absoluten Pflicht gemacht werden sollte und auch bereits während des Klinikaufenthaltes Kontakt zu Magenresektierten mit jahrelanger Erfahrung vermittelt wird. Die Hinweise, die man bekommen könnte, würden die Qualen, die auf einen zukommen, mindern oder gar eliminieren.

 

Zu Hause:
Bereits sehr schnell wurde klar, dass nach dem Essen Schmerzen im oberen Bauchraum auftreten. Das Dumping Syndrom tritt meiner Meinung nach sehr häufig auf. Der größte Fehler, den ich gemacht habe war, aus Angst festere Nahrung zu mir zu nehmen, Torten zu essen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass die Schmerzen die ich hatte, von der Luft herrührten, die sich wegen falscher Ernährung im Darm bildete. Die meiste Zeit verbringt man so auf der Toilette mit extremen Durchfällen und Schmerzen. Die dicksten Romane meines Lebens habe ich bei dieser Gelegenheit gelesen. Pankreon Forte habe ich viele Monate genommen, doch ich war nicht überzeugt davon, dass es mir sehr viel hilft. Seltsamerweise hatte ich mich auch im Wesen verändert, war meinen Nächsten gegenüber gereizt, aggressiv und unfair. Hierzu könnte meine Frau einen ebenso langen Bericht schreiben. Die frisch gewaschene Kleidung riecht z.B. plötzlich eigenartig und man wird sensibler gegen Gerüche. Man wird seltsam.
Nachdem ich durch falsche Ernährung, extreme Durchfälle, Wasserverlust und Störungen des Ionenhaushalts in kürzester Zeit 18 Kilo verloren habe (vor OP 88 kg, 2 Wochen später 70 kg, 1,91 m groß), war ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Immer nur Schmerzen nach dem Essen. Ich versuchte alles selber in den Griff zu bekommen, das war ein Fehler.


Nachdem keine Besserungen zu vermerken waren, habe ich mich doch entschlossen, die Anschlussheilbehandlung anzutreten und bin für einige Wochen zur empfohlenen Kur gegangen. Bereits vom zweiten Tag an, vielleicht sogar nach der ersten Mahlzeit, fühlte ich mich besser. Ich aß keine Torten oder Süßigkeiten die mich blähen, sondern leichte Kost, kleine Portionen und was sonst noch alles empfohlen wurde. Ich konnte es fast nicht glauben, doch die Umstellung der Nahrung reduzierte die Luft im Darm und die damit verbundenen Schmerzen. Der Stuhl wurde fester (allerdings einmal mit Blockade die einen Aufenthalt im Krankenhaus erforderte). Mein Gesundheitszustand wurde immer besser. Ich lernte mich zu ernähren und Disziplin aufzubringen. Auch meine Aggressionen waren verschwunden. Ich war wieder der Alte, zur Freude meiner Frau!


Über die nächsten Jahre stabilisierte sich das Gewicht bei 78 kg. Da ich mich mit diesem Gewicht immer noch als zu dünn empfand, habe ich mehrmals versucht über längere Zeiträume Pankreon Forte zur besseren Verdauung zu nehmen, oder sogar Nahrungsergänzungsmittel (Astronautennahrung, Spezialpuddings etc). Hat alles nichts gebracht, war eher lästig. Wichtig war es auf fette Nahrung zu verzichten, keine Schnitzel, keine Fischstäbchen oder Spiegeleier, keine Pommes, keine Panade, keine Süßspeisen, kein Weißbrot oder Brötchen, nichts Salziges, Saures, Süßes oder Scharfes, keine Säfte. Bereiteten allesamt Bauchkrämpfe und Durchfälle. Bei späten Essen kam es nachts zum Reflux im Bett, besser also das Kopfteil hochstellen. Zum Trinken ist Wasser aus der Wasserleitung besser. Es war und ist immer noch schwierig genügend Flüssigkeit aufzunehmen. Beim Essen und Trinken ist Vorsicht geboten, da man durch hastiges Trinken oder Essen ein plötzliches Druckgefühl in der Speiseröhre bekommt und nichts mehr schlucken kann. Ich muss kurz warten bis dieser Druckschmerz verfliegt, doch dann ist mir das Essen und Trinken eh schon vergangen.

Bilanz der Folgejahre:
Über die Jahre lernte ich auf Schnitzel und Schweinshaxe zu verzichten, bis auf ein paar Ausrutscher. Ich bevorzugte dunkles Brot, oder zumindest altes Weißbrot (ja nichts Frisches, oder gar Warmes!). Zucker im Tee oder Kaffee machte mir anfangs etwas aus (Blähungen), bin auf Süßstoff ausgewichen, hatte aber das Gefühl, dass es schlechter war. Zurzeit vertrage ich Zucker gut, meine aber das liegt daran, dass ich leicht in den Unterzucker komme.
Fisch ist sehr gut (natur, ja kein panierter oder gebratener Fisch), am Besten gekocht oder gedünstet. Tafelspitz hervorragend, Hühnchen sehr gut (ohne Haut!). Ein solches Gericht erlaubt mir, dass ich danach auch eine unvernünftige, aber leckere (!) Mahlzeit zu mir nehmen kann, da Durchfällen vorgebeugt wird. Schweinefleisch meiden! Über die Jahre lernte ich auch mit der 4-wöchigen Vitamin B12-Spritze zu leben, größere Intervalle zwischen den Spritzen führen bei mir zu Mattigkeit. Probleme gibt es mit Eisen und Hämoglobin (Ferritin)-Werten. Diese sind immer im unteren Bereich, oder gar unterhalb des Referenzbereiches (Mattigkeit). Eisentabletten und Magnesium immer wieder nehmen. Da ich nicht ernsthaft Sport machen konnte (bekomme leicht Krämpfe, z.T. sehr unangenehm) ließ die Muskulatur über die Jahre nach und ich entwickelte Probleme mit den Bandscheiben und Wirbeln. Man sollte sich zwingen etwas Sport zu machen, sonst bereut man es später, wie ich es tat.


Das Angenehme an der Magenresektion ist, wenn man so will, dass ich keinen Hunger und keinen Durst verspüre. Ich werde aber daran erinnert zu essen und zu trinken, da die Kräfte nachlassen, oder ich einen trockenen Mund verspüre. Man soll viele kleine Mahlzeiten zu sich nehmen und sich Zeit beim Essen lassen. Gut gekaut ist halb verdaut! Ich habe über die Jahre gelernt viele Mahlzeiten zu mir zu nehmen, aber große (laut meiner Frau!). Trotzdem habe ich kein Kilo zugelegt. Die Verdauung scheint ineffizient zu sein. Eine Eigenart bei der Verwertung von „Genussmitteln“ habe ich auch festgestellt, kann sie mir aber nicht erklären. Beim Konsumieren von Alkohol (also etwas Wein, da ich nur sehr selten so was trinke) scheint der Alkohol sehr schnell aufgenommen zu werden und die Wirkung verfliegt sehr schnell. Auch nach ein paar Gläschen Wein fühle ich mich ganz normal und Alkoholmessungen im Blut zeigen keine erhöhten Werte. Ich kann es mir nicht erklären, bin aber der Sache nicht systematisch nachgegangen.


Bei Schmerzen Medikamente nicht überdosieren (ich war 2-mal wegen Überdosierung oder gleichzeitiger Einnahme von unterschiedlichen Schmerzmitteln in der Notaufnahme). Keine Überanstrengungen, da die Krämpfe manchmal extrem unangenehm sein können. Daher unbedingt Magnesium nehmen! Beim Konsum von Schokolade treten Bauchkrämpfe auf, die unmittelbar zu Krämpfen an Fingern, Händen und Beinen führen. Es wird erst besser nach z.T. exzessiven Durchfällen und erneuter Flüssigkeitsaufnahme. Wenn Schokolade, dann sehr hohen Kakaoanteil (ab 70%). Wenn ich zu viel gegessen habe empfinde ich ein Unbehagen, welches sich erst nach Darmentleerungen legt.

Zusammenfassung:
Anschlussheilbehandlung und Kontakt zu anderen Magenresektierten mit Erfahrung ein absolutes Muss!
Keine Backwaren, frische Brötchen oder Brot, keine Panade, Schweinshaxe, Schnitzel, Pommes, oder Süßspeisen. Kekse und Schokolade minimal! Eiscreme schlecht. Erdnüsse und Pistazien sind eine Versuchung, der man zwar immer wieder erliegt, doch auch jedes Mal bereut. Keine Paprika oder Peperoni (Haut ist schlecht!).
Gut ist Huhn (ohne Haut), Tafelspitz (Rindfleisch allgemein), vor allem gedünsteter oder gekochter Fisch (ist einzige Mahlzeit die keine Probleme bereitet), Reisgerichte. Salate müssen wohl sein, doch Blattsalat bläht. Alles was bläht meiden, da es in den ersten Jahren Schmerzen bereitet. So mancher Ratgeber bezüglich geeignetem Essen für Magenresektierte ist meiner Meinung nicht gut, da darin Mahlzeiten aufgeführt sind, die zumindest mir große Probleme bereiten. Leichten Sport unbedingt machen, um Bandscheiben- und Wirbelsäuleproblemen vorzubeugen.

Auflistung der häufigen Probleme:
Einiges davon bekommt man über die Jahre in den Griff

  1. Mattigkeit nach Einnahme von jeglicher Mahlzeit (20-30 min)
  2. Schwierigkeiten beim Essen, oft plötzliches Völlegefühl beim Schlucken, Zeit lassen!
  3. Flüssigkeitsaufnahme nicht ausreichend (Völle, Druckschmerz), Leitungswasser am Besten
  4. Einnahme von Pankreon Forte anfangs obligat, da sonst großer Gewichtsverlust
  5. Mattigkeit nach jeder Darmentleerung
  6. Sehr häufig Diarrhoe, mehrmals am Tag
  7. Dadurch bedingte Mangelerscheinungen, Ionenhaushalt nicht gut (Trinken!)
  8. Erhöhte Krampfanfälligkeit an Fingern, Beinen und Füßen (Magnesium!)
  9. Milch und Joghurt nicht verträglich (Diarrhoe, Flüssigkeitsverlust)
  10. Gewichthalten sehr schwierig trotz häufige Einnahme von Mahlzeiten, Pankreon Forte und Nahrungsergänzungsmitteln (Astronautennahrung, Puddings)
  11. Keine sportliche Betätigung möglich, da dadurch Gewichtsverlust und Krämpfe (Magnesium!)
  12. Dadurch unterentwickelte Muskulatur und häufige Probleme mit der Wirbelsäule (LWS)
  13. Müdigkeit bei längerem Gehen
  14. Durch Verdauungsprobleme und Kraftverlust in vielen Dingen eingeschränkt
  15. Dadurch Lebensqualität eingeschränkt
  16. Vitamin B12 Spritzen alle 4 Wochen
  17. Einschränkung in der Nahrungsauswahl (keine fetten, süßen, sauren, scharfen, salzigen, gebratenen etc. Nahrungs- und Genussmittel)
  18. Kein Hunger- und kein Durstgefühl, kein Sättigungsgefühl
  19. Besondere Disziplin bei der Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitsaufnahme erforderlich
09. December '21
© kein-magen.de